Thomas „Tommy“ Krappweis

Thor war kein Nazi
Mjölnir war vorher da

 

Thorshammer

Dieser aus Silber gefertigte und reichhaltige verzierte Mjölnir wurde in Skåne (Schweden) gefunden.
Ursprünglich war er im Besitz des Barons Claes Kurck, der das Fundstück 1895 dem Historischen Museum in Stockholm spendete.
(Bild: Wikipedia, gemeinfrei)

Thors Hammer ist nicht immer „Nazi“
– aber immer noch zu oft

 

Ab und zu nütze ich meine unterhaltungsbasierten Präsenzen in den sozialen Netzwerken auch für Themen, die mir anderweitig am Herzen liegen. Das ist so eines.

Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum das Vorurteil „Thorshammer = Nazisau“ in den Köpfen der meisten Menschen verankert ist. Der Thor kann da aber nix dafür. Denn der war definitiv vorher da. Lange, lange bevor es hierzulande deutschtümelte, um dann später vom eigenen Wahn und einem noch wahnsinnigeren, arg unblonden Wicht in den Untergang getrieben zu werden, glaubten die Menschen an einen Gott namens Thor/Donar und eine ganze Schar weiterer Götter.

Thor war vor allem bei dem „einfachen“ Volk sehr beliebt, denn er war vergleichsweise simpel gestrickt, somit leichter zu lesen als zum Beispiel der schillernde Odin/Wodan mit all seinen unterschiedlichen Attributen. Außerdem war er als Donnergott für das Wetter zuständig und somit sozusagen verantwortlich für die Ernte. Und er galt – vereinfacht gesagt - als Feind der Riesen und Beschützer der Menschen. Der kurzstielige Hammer Mjöllnir war Thors Waffe und sein Symbol.

Heutige Darstellungen des Thorshammers stützen sich meistens auf archäologische Funde von denen Ihr unter dem Link einige findet. Da findet man aber auch einige Vorbilder für Thorshämmer, wie sie sich das braune Gesocks gerne um den Hals hängt, in die Windschutzscheibe klebt, auf TShirts oder als Tattoos trägt. Das ist zum kotzen, ja.

Es ist aber nun mal Fakt, dass der Thorshammer zusammen mit vielen anderen heidnischen, nordischen und germanischen Symbolen von den Nazis vereinnahmt wurde. Diesen hirnhalbierten Hasspickeln haben wir es zu verdanken, dass es heute verboten ist, bestimmte Runen zu verwenden und dass die Wissenschaft Jahrzehnte gebraucht hat, um den Hunde-ah-ah-Gestank loszuwerden. Ja, das muss man wissen, ja, damit muss man umgehen – aber man muss es nicht akzeptieren!

Der Thorshammer ist durch diesen Missbrauch nicht in den Besitz der darminhaltsfarbenen Dumpfdödel übergegangen!

Die Wochentage Dienstag, Donnerstag und Freitag sind nicht nach „Nazi-Göttern“ benannt, sondern nach germanischen Gottheiten. Die waren vorher da.

Menschen haben Runen geschnitten, lange bevor irgendwelche Lederlakaien es sich auf die Mütze nähen ließen.

Und zudem taugen „die Germanen“ nun wirklich nicht als identitätsspendende „Rasse“ im Sinne einer edlen Herkunft blonder, blauäugiger Langschädel! „Die Germanen“ ist ein fremdbestimmter Sammelbegriff vorrangig der Römer für verschiedenste Menschen diverser Stämme unterschiedlichster Herkunft aus ganz Mitteleuropa und Skandinavien, grob vergleichbar mit dem Begriff „Barbaren“. Dass diese so willkürlich zusammengefassten Stämme nicht alle so blond und blauäugig waren wie Hitler selbst, versteht sich da von selbst. Es gibt verdammt noch mal keine „edle Rasse der Germanen“, sondern das genaue - von den Nazis so verhasste – Gegenteil: Einen bunten und gesunden, genetischen Mischmasch. an Menschen!

Entsprechend schwer tut sich die Wissenschaft heute mit dem aus der Antike stammenden Germanenbegriff - wenn überhaupt kann man die Gemeinsamkeiten in der Sprache als Rechtfertigung heranziehen. Aber auch das ist heute zu Recht umstritten – zu unterschiedlich, zu vielfältig ist dieser vor vielen Jahrhunderten willkürlich zusammengefasste Haufen.

Aber nicht genug damit, dass die Herrengedeck-Rasse alte Symbole, Götter und einen ganzen Forschungszweig besudelt. Während der Nazizeit wurde auch noch munter dazugedichtet, umgedeutet und es wurden diverse Verzweiflungsgrabungen initiiert, um irgendwelche haltlosen Theorien damit zu untermauern. So grub man sich damals wie von Sinnen rund um die Externsteine bei Detmold, um gefälligst auf irgendwelche Scherben zu stoßen, die man dann triumphierend als Beweis für germanische Aktivitäten an diesem fraglos beeindruckenden Ort deklarieren konnte.

Dass die Externsteine eine natürliche Kraft und Schönheit ausstrahlen wird jeder bestätigen, der einmal davor stand oder das berühmte Bild auf seinem Windowsdesktop durchgewechselt bekam. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass es dort damals von Seherinnen nur so wimmelte und die alle nichts Besseres zu tun hatten, als ihre Hinterlassenschaften dort zu vergraben, damit sie der Himmler irgendwann ausbuddeln durfte, um seinen Fiebertraum einer neu geschaffenen „Urreligion“ zu legitimieren! Sicher nicht!

Auch die „Irminsul“ ist so ein Ding, was die Nazis für sich geclaimt haben und wovon sich weder ein angeblicher Gott namens Irmin ableiten lässt, noch, was für ein Ding das genau war, ob es nur eins gab oder mehrere, ob es ein Pfahl war oder ein Baum oder ein Kunstwerk oder was auch immer. Ganz sicher aber war es kein vor Jahrhunderten geschaffenes Objekt, um irgendwann später mal als Identifikationsprügel für leere Unterhosen herzuhalten.

Moderner Thorshammer

Eine Darstellung des Thorshammer, wie er heute häufig als Amulett getragen wird.
(Bild: Wikipedia, gemeinfrei)

Zurück zum Thorshammer.
Nicht jeder, der diesen trägt, ist ein Nazi. Ich habe einen solchen auf meinem Laptop kleben, wie viele von Euch auf der Bühne der Gamescom gesehen und danach gefragt haben - und ich schreibe, rede und filme seit vielen Jahren gegen die braune Vereinnahmung der alten Religion und ihrer Mythen an.

Viele meiner Freunde tragen auf die ein oder andere Art einen Thorshammer: Als Schmuckstück ist es ebenso legitim wie als Bekenntnis zum Neuheidentum, als Schutzamulett oder einfach so.

Aber der Thorshammer gehört nicht den Nazis. Im Gegenteil. Denen gehört ein Scheiss.

Also bitte ich alle, die darüber die Stirn runzeln darum, Menschen deswegen nicht vorschnell und zu Unrecht zu verurteilen. Mittelaltermärkte sind keine Nazitreffs und Reenactors, Larper, Fantasyfans, Neuheiden, Asatru‘ sind keine f***ing Nazis! Im Gegenteil, wenn sich dort jemand als brauner Bampf erweist, fliegt er schneller in den gleichfarbenen Matsch, als er „Man wird doch noch seine eigene Mei…“ krakeelen kann.

Das ist aber noch nicht alles.
Ich bitte nämlich auch alle, die dieses oder andere vergleichbar falsch zu verstehende Symbole zu Markte tragen erstens darum, sich vorher mit dem Ursprung des Symbols auseinander zu setzen, damit sie sich nicht aus Versehen irgendwelchen nachträglich geschaffenen Nazischeiss in die Haut nadeln lassen. Und ich bitte alle um Verständnis dafür, dass man sie falsch interpretiert!

Es ist nicht die Schuld der anderen Menschen, dass sie die Symbole vorrangig durch alte und neue Nazis kennengelernt haben. Ihr tragt einen Teil der Verantwortung dafür, das Erbe wieder reinzuwaschen, indem Ihr ruhigen Blutes aufklärt, Wissen weiter tragt und die Zusammenhänge differenziert darlegt.

Regt Euch nicht auf, wenn man Euch mit Vorurteilen begegnet. Das ist weder hilfreich, noch gerechtfertigt. Diese Vorurteile haben einen Grund und dieser Grund ist leider real. Man kann die Vereinnahmung durch die Nazis nicht ignorieren und Ihr könnt auch nicht von jedem verlangen, dass er sich so gut mit der Materie auskennt wie viele von Euch. Aber Ihr könnt, nein, Ihr müsst es erklären und so dazu beitragen, den braunen Schmutzfilm über den nordisch-germanischen Göttern und den damaligen Menschen abzutragen.

Danke fürs viele Lesen und hoffentlich verbreiten. Ja, ich finde das wichtig.
Tommy

 


 

Der Autor:

Thomas Krappweis Thomas „Tommy“ Krappweis ist ein deutscher Komiker, Autor, Regisseur, Produzent und Musiker. Bekannt wurde er als Ensemblemitglied der Comedy-Reihe RTL Samstag Nacht, der er von 1995 bis 1998 angehörte und als Erfinder der KiKA-Figur Bernd das Brot, für die er 2004 den Adolf-Grimme-Preis erhielt. Neben seiner Tätigkeit als Drehbuchautor, Regisseur und Film- und Fernsehproduzent schreibt er seit 2009 auch Kinder- und Jugendliteratur und autobiografische Bücher.

Den ersten Band seiner Fantasy-Trilogie Mara und der Feuerbringer hat er 2013 selbst verfilmt. Diese Trilogie greift Motive der nordischen Mythologie auf, bei deren Umsetzung der Autor von Prof. Rudolf Simek unterstützt und beraten wurde.

Zu seinem Werk hat der Autor ein umfangreiches Mythologie-Portal erstellt.
Website des Autors: Tommy Krappweis

(Foto: Wikimedia Commons - © Superbass / CC-BY-SA-3.0)

 

 

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