Wikingerfrauen - Teil 3

Das gefährliche Geheimnis

Von Xenia D. Cosmann

 

Loki ist mir nichts schuldig geblieben. Mein Leben mit Tore ist gut. Seine Sippe und meine sind verflochten und gedeihen. Dieser dritte Winter seit meiner Heirat ist ereignisreich und der Himmel ist voller Stürme, aber drinnen haben wir genug Wärme, Futter fürs Vieh und Gelage für die Karle. Helgard teilt die Rast in der kalten Jahreszeit zwischen Ruriks und Tores Hof. Ich erfreue mich ihrer Gesellschaft und vernehme die neueste Kunde. Die Jarle reden über zukünftige Bündnisse, Kriegsschiffe und Heerzüge. Die Scharmützel mit Strauchdieben und Banden von Wegelagerern, die aus dem Nordosten über Land kommen beschäftigen unsere Karle mehr als sonst. Frodewin schließt sich Tores Kampf an. Die See ist wild bewegt. Die Kiele seiner Drachenschiffe liegen hoch am Sand.

Mein Vater Jarl Rurik muß zu neuen Verhandlungen mit Harald Gormsohn. Jarl Rurik will sich nicht zwischen Blauzahn und den frankentreuen Jarlen aufreiben lassen. König Harald hat seinen Einfluß weit in den Süden ausgedehnt, stetig wachsen sein Gebiet und seine Gefolgschaft. In Ribe und in Haithabu läßt er für die neuen drei Götter Tempel bauen, die die Christensklaven Kirchen nennen. Ständig wachsen seine Wälle. Er schließt und bricht wechselweise Bündnisse mit den oder wider die Franken, unterstützt viele Stämme, die das Frankenreich bekämpfen. Gleichzeitig streitet Harald Blauzahn mit den Schiffen seiner südlichen Nachbarn, schlägt und verträgt sich mit den hitzigen Ladejarlen. Also bekämpft Harald auch den halben Norden mit wechselndem Glück, dehnt sein Herrschaftsgebiet ständig aus. Hilft ihm sein neuer Gott, dessen Sohn oder dessen Geist? Hält Harald es heimlich noch mit den alten Göttern? Jedenfalls halten sein geschicktes Taktieren und der Frankenwall den Vormarsch der taufenden Frankenpriester auf. Wir Wikinger vertrauen nach unserer Art nur uns selbst und unseren jagenden Schiffen.

Jarl Rurik reitet deshalb bei starkem Frost über den Ochsenweg. Das tut er nicht ohne Not. Der Landweg durch das unwirtliche Winterwetter erstreckt sich weiträumig und verzweigt durch Höhenzüge bis Jelling. Im Winter weilt Harald der Getaufte meist in Jelling. Dort hat er seinen ungetauften, ruhmreichen Ahnen einen gewaltigen Grabhügel aufschütten lassen. Weiße Steine umranden ein riesiges Schiff. Ihre Geister segeln durch unbekannte jenseitige Welten. Wird Loki sie zu seiner Seite rufen bei der Götterdämmerung?

Bei uns hat die Jagd auf Eber und Räuber so viele Verluste gefordert, daß Tore ohne Zögern im Sturm auf seinen geheimen Wegen durch das gefrorene Moor zum ersten Markt des Jahres aufbricht. Er verkauft Pferde und kauft Sklaven. Ich bleibe lange Zeit mit zu wenigen Männern am Hof. Der einbeinige, scharfsichtige Torgrimur wacht jede Nacht am Flußtor. Die tägliche Arbeit ist leicht zu bezwingen, weniger leicht die Gefahr von Raub und Mord. Irgendwo lauert immer ein Gesetzloser! Gut, daß Frodewin regelmäßig herüber reitet!

Ich bin wieder schwanger! Ich schaffe umso freudiger. Helgards anstellige Zwillinge leisten mir schon kleine Hilfsdienste. Meine kleinen Jungen, Tores blonder Erbe Tori und sein roter Bastardbruder hängen an ihren Rockzipfeln. Meiner winzigen Tochter Tyra, sind Helgards Mädchen gute Vorbilder. Ganz ernsthaft folgt sie deren Beispiel in Haus und Hof. Achtsam nehmen die Sklaven Hengste und Böcke beiseite, wenn sie im Stall auftaucht.

Die Sklavin, die seit ihrer andauernden Mattheit nach der Geburt bis jetzt nur Spinn- und Webedienste leistete, muß endlich Haushaltung lernen. Sie lerne widerwillig, klagt mir die Großmagd Selja. Vor den kleinen zottigen Rindern und Schafen fürchte sie sich, von Pferden ganz zu schweigen. Selbständige Arbeit in Küche und Milchkammer könne Selja ihr nicht anvertrauen, denn sie verderbe vieles durch ihre Unaufmerksamkeit.

Mir dient die Sklavin unterwürfig mit allen Handreichungen. Noch williger hilft sie Helgard bei der Pflege der Verwundeten und der Bereitung von Heiltränken und Salben. Sie ist jedoch keine gute Kinderpflegerin. Sie scheut alles, was anstrengend ist und scharwenzelt dauernd um den Jarl herum. Ich nenne sie Lo, das Flämmchen, weil sie schönes, lockiges, kupferrotes Haar hat. Es ist nicht besonders kurz, sie entwischt irgendwie jeder Schur.

Zur Wintersonnenwende habe ich sie wieder in Tores Bett geschickt, denn ich denke, das gefällt ihm. Ihm gefällt’s nicht so sehr wie ihr. Ich weiß nun, warum Blitgard die Sklavin lieber mir gesendet hat, als sie in der Nähe des Erben des Gehöfts zu lassen! Wenn Lo wieder schwanger sein sollte, werde ich das Kind, wie ihren ersten Sohn Tryggur, den sie Tore gebar, zu mir nehmen. Sie ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, eitel und ein bißchen unnütz.

Gara ist Amme und Hüterin all meiner Kinder geworden. Helgards Zwillinge helfen ihr. Gara ist eine Freigelassene und kann entscheiden, welchem Karl sie gehören will. Tore wollte es so. Sie nahm den alten Torkell, Tores klugen Vetter, der das Wissen Wielands hat und noch ein gewaltiger Kämpe ist. Gara bringt Leben und Lachen in seine alten Tage, denn die Kinder sind immer um sie herum.

Tore läßt die Sklaven frei, wenn er meint, daß sie zurechtkommen. Die meisten jedoch seien gebrochen, zu unselbständig, feige und duckmäuserisch. „Einmal Sklave, immer Sklave!“ Sagt Tore. Aber an diesen Spruch hält er sich selber nicht. Als Jarl Tore an einem ruhigen Morgen von seiner Handelsfahrt endlich zurückkommt, läßt er abends schon einen neuen Sklaven frei. In der Halle zerbricht er dessen eisernes Halsband mit bloßen Händen, spricht die Eidesformel, zieht die Rune Gebo vor der Brust des großen Mannes und verkündet: „Das ist Teningur, mein Mann!“

Festmahl bei den Wikingern

Ein kleines Fest bei den Wikingern.
Das Messer diente nicht nur zum Schneiden, sondern war das Universalbesteck.
Es wurde geschmaust, viel erzählt, gelacht aber auch die vielen Dinge des Alltags besprochen.

Ich winke dem halbnackten, schmutzigen Fremden und schicke ihn ins Badehaus. Ich sende meine Gaska mit Kleidung, Messer und Haarspange zu ihm. In Tores Halle trägt keiner Waffen. Äxte, Schwerter, Speere sind verschlossen, aber ein Messer braucht jeder Mann zum Essen.

Als Teningur die Halle wieder betritt, ist er ein Karl, Tores Karl. Er hat die Haltung eines Kämpfers, die Gewandtheit eines Jägers und die glatte Schönheit eines Barden von den Inseln. Aber er kommt aus dem tiefsten Süden. Seine Haut ist dunkel wie Hirschleder, sein langes glattes Haar und sein kurzer Bart sind feuersteinschwarz. Während ich ihm Met einschenke, bedankt er sich für das kurze Messer, er habe ein eigenes, werde aber meines in höchsten Ehren halten. Das sollte er auch, denn es hat einen verzierten Silbergriff! Teningur ißt mit seinem Messer, das einen abgewetzten, mit fremden Runen bedeckten Holzgriff hat, aber eine wertvolle Klinge.

Teningur erzählt die Geschichte des Messers. Er spricht machtvoll wie die Skalden in Jarl Ruriks Halle. Das Murmeln der Trinkenden wird leiser, erstirbt. Der rhythmische Erzählstrom beginnt mit einem starken Bild: „… und so tauschte der bartlose Soldat ohne Worte sein blitzendes Messer gegen mein schmuckloses schwarzes Schwert, Schneide gegen Schneide, Scheide gegen Scheide, mir Edelsteine und Reichtum, ihm ruhmreicher Tod in Verteidigung seiner Stadt…“ Die Stadt ist Byzanz. Er ist der kaiserlichen Warägergarde entlaufen, vermute ich. Wie hat er das gemacht? Die Fahrt des Messers ist lang, berichtet von Städten mit steinernen Mauern und staubigen Märkten, Menschen mit exotischen Sitten und endet mit dem wikingischen Schmied, der die kostbare Klinge in dem hölzernen Griff befestigt. Von dem Besitzer des Messers, seinen Kämpfen, Verletzungen, Verlusten und seiner Versklavung sagt das Lied nichts. Tore hat einen Schwertmann und Skalden erworben. Sein Leben muß bis vor kurzer Zeit das eines freien Reisigen gewesen sein. Das einzige Eisen an seinem Hals sind jetzt nur kleine baumelnde Glücksbringer.

Die Karle jagen den ganzen Winter lang die Gesetzlosen, finden endlich ihre felsigen Schlupflöcher. Frodewins fabelhafte, gefleckte Hunde spüren sie alle einzeln auf. Es ist eine nächtelange, gnadenlose, verlustreiche Hatz. Helgard bekommt viel zu tun. Sie bedient sich auch der Kenntnisse der Sklavin Lo, die schmerzstillende Tränke aus seltenen Kräutern zu brauen weiß. Sie zog sie zwei Sommer an der südlichen Mauer unfern des Gabensteines aus mir unbekannten Samen. Ich sah, wie das kleine Volk sie zuweilen heimlich und mißtrauisch beobachtete. Ich weiß nicht, ob Lo das bemerkte, wenn sie in der Sonne werkelte. Helgard jedenfalls lernt arglos von ihr mißtönende Namen und neuen, recht tauglichen Sud.

Teningur, dem das Thing längst volle Freiheit bestätigt hat, behauptet, dass die Sklavin kenntnisreicher als mancher Klosterknecht sei. Teningur ist mißtrauisch. Er weiß mehr von den Wechselfällen des Lebens als die anderen Karle. Wer hatte ihn wohl versklavt? Er fragt Tore, woher er diese Sklavin habe, der verweist ihn jedoch an Frodewin. Ich spitze meine Ohren, erfahre aber nicht mehr, als ich ohnehin schon weiß: Frodewin las die Verirrte am Strand der grünen Insel bei einem längst geplünderten Kloster auf. Auf dem Herrenhof in dessen Nähe hatten seine Schiffe den ersten Fahrtenwinter abgewartet, bevor sie in unentdeckte südliche Gewässer aufbrachen. Frodewin barg auf seiner Rückkehr seinen dort in den Trümmern heimlich vergrabenen Silberschatz und nahm sie als Dreingabe mit. Ich wußte, daß auch meine Mutter aus jener Gegend stammte, denn schon Jarl Rurik nahm dort auf seinen Fahrten Winterquartier bei einem seiner Vettern, dessen Vorfahren irgendwann die Landspitze mitsamt Klosterruine in Besitz genommen hatte. Meine Mutter hatte meiner Schwester Helgard manchmal von dem zwischen Mauern verborgenen Leben und dem fruchtbaren Garten der Kuttenmänner in der Einöde erzählt. Ich hatte damals nur aufgemerkt, wenn Mutters Rede auf den wilden Wald kam, in den die Christen das kleine Volk in ein geheimnisvolles Leben getrieben hatten.

Tore bemerkt, daß Teningur an seiner Sklavin Gefallen gefunden hat. Er fragt mich, ob ich sie entbehren könne. „Gib sie ihm, Jarl Tore, aber laß' sie nicht frei!“ Mein großer Mann richtet sich so ruckartig auf, daß die Bettstatt wackelt. Vorsichtig legt er seine Hand auf meinen runden Bauch. „Tut die Sklavin nicht recht? Gehorcht sie nicht?“ Das Recht der Züchtigung behält er sich bei Lo vor, sonst ist die Zucht der Mägde meine Pflicht. Ich grübele. „Die Magd gehorcht, Tore, aber sie klagt und versagt, wo sie schweigen und zupacken sollte. Sie hat auch etwas träg‘ Lauerndes und unaufrichtig Heimliches in ihrem Gebaren. Ich weiß nicht… Laß sie nicht frei, sie will etwas, irgendetwas…“

Tore tut, wie immer, was ich ihm rate. Als Teningur die Männer von der Arbeit an den beschädigten Befestigungen zurückbringt, packt Tore die Sklavin Lo bei ihrem rotwuchernden Schopf, führt die Stolpernde mit langem Schritt seinem neuen Karl entgegen und fragt: „Nimmst du Teningur dieses Geschenk?“ Teningur wiegt den Kopf: „Du hast meinen Dank, Herr, gibst du ein Haus dazu!“ Tore lacht dröhnend: „Ein halbes!“ Er weist auf das kleinere Haus, das der alte, einbeinige Torgrimur allein bewohnt. Teningur greift zu: „So hast du meinen freudigen Dank und das ist jetzt ganz mein!“ Tore nickt. Das Gesinde grinst und reißt die Augen auf: Teningur reißt den Sklavenring von dem Mädchenhals und zerquetscht das Silber in seiner riesigen Faust. „Gutes Silber!“ Sagt er, zieht sein Messer, ergreift das Bündel herunterfallenden, langen Haares und schneidet es kurz über der Kopfhaut ab. Dann schüttet er wie bei der christlichen Taufe eine Bütte Wasser über die neben dem Silberklumpen Kniende und schert mit blitzender Klinge flink die Reste. Kahl ist die Kleine nun, bis auf eine nasse Schläfenlocke.

Starr sehen alle zu. Sie wissen, daß nur Jarl Tore, wie er ihn zur Nutzung überlassen, letztendlich den Besitz auch freigeben kann. Aber Teningur weiß das auch. Er tritt näher an den Brunnenrand, nimmt dabei das kurze Beil aus seinem Gurt und ein Amulett von seinem Hals. Er biegt ein dünnes Kupferband von seinem Arm und zeichnet es, mit der stumpfen Seite seiner Axt schlagend mit dem Amulett. Drei Schläge, drei Zeichen machen hörbar und sichtbar meine kleine, kahle Sklavin zum Eigentum des Fremden. Der Halsreif ist schmaler und leichter, als das an Tores Hof gebräuchliche Eisen. Das Silber birgt Teningur an seinem Leib, die Sklavin läßt er nach trockenen Kleidern laufen. Die Männer verbringen den Rest des Abends in Torgrimurs Haus.

Nachts höre ich ungebührlichen Lärm von draußen. Leise erhebe ich mich und öffne die Tür zum Hof. Der stille Mond beleuchtet ein bewegtes Bild. Der schwarze Teningur jagt eine weiße Gestalt, die ihn spielerisch flieht. Sie sieht zerbrechlich aus, als die kräftigen Hände sie packen und weit nach hinten auf den hölzernen Brunnendeckel biegen. Haupt und Haut, leuchtend im Mondlicht. Sie nimmt ergeben erst die dunkle Berührung, dann feurig die dunkle Gewalt entgegen. Die entflammte Lo kreischt. „Ruhe!“ Befehle ich in gewöhnlicher Stimmlage und denke flüchtig, daß Tore die Sklavin nie vor Lust hat laut werden lassen.

Teningur verschwindet wie ein gigantischer Schatten mit seinem neuen Spielzeug wieder unterm Dach. Ich höre jenes Kreischen noch häufiger an schattigen Orten, als es dann wärmer wird, an verborgenen Plätzen, die im letzten Sommer Frodewin für uns gefunden hatte.

Der nun nahende Sommer bringt überall Gedeihen. Meine Stunde rückt näher und ich fürchte mich, denn dieses Mal ist es mir nicht so leicht. Die alten Mägde murmeln von toten Kebsen, von Tores Fluch. Mir ergeht es wie Blitgard. Warum? Ich allein weiß, daß das nicht möglich sein sollte. Ich bin in den letzten Wochen matt und elend. Manche Stunde sitze ich kraftlos grübelnd in der Sonne am Gabenstein. Mir scheint, es täte mir wohl, den einen oder anderen vom kleinen Volk huschen und wispern zu hören. Langsam verstehe ich einzelne Worte. Ich halte die Sklavin Lo fern vom Gabenstein, von ihnen und von mir. Ihr Beet verwildert. Wer nutzt ihre Kräuter? Ich nicht.

Helgard zieht wieder durch das Land. Ich brauche sie vielleicht. In der warmen Nacht sende ich ihr meine Angstträume. Frodewin sendet Botenvögel mit Nachrichten. Blitgard geht es noch schlechter als mir, sie ist nahezu unfähig ihren Pflichten nachzukommen. Ich sitze in der sonnigen Stille. Tore ist mit Pferden und Fohlen zum Markt gesegelt. Wessen Männerschritt höre ich da?

Frodewin kommt. Er trägt seine Tochter Blidka auf den Schultern. Ich sehe von meinem halb verdeckten Platz, wie er Blitgards Mädchen neben Gara und meinen Kindern im Ufergrün niedersetzt. Ich gehe ihm entgegen und wir wandern aus dem offenen Flußtor hinunter zum Meer. Er teilt mir seine Sorge mit, sein Hausfrau zu verlieren. Ich versuche nicht eifersüchtig zu sein, kann ich mich doch jetzt in seine Arme schmiegen und ihm von der Hut des kleinen Volkes berichten. Frodewin hört auf meinen Hals zu küssen: „Du kannst leicht tragen und gebären, das weißt du! Warum muß dich überhaupt jemand auf deinem eigenen Hof gegen böse Blicke, Wünsche, Flüche oder was auch immer beschützen?“ Besitzergreifen streicht Frodewin mir über Brüste und Bauch. Er bringt mich nie zum Kreischen, aber immer trommelt mein Herz laut und wild und ich verliere mich an seinen Mund. Oben schreit ein Vogel, ein Falke. Loki denke ich und sage laut: „Die Sklavin, die immer um dich herumstreicht, die lauert irgendwo! Solange Tore dich nicht in meinem Schoß erwischt, wird er mir deine Nähe nicht mißgönnen, mein Bruder. Aber wenn… dann! “ Frodewin weiß es so gut wie ich, daß uns Blut bei diesem unserem Verrat droht. Er preßt sich von hinten hart an mich, sodaß mein Brüste unter seinen Händen schmerzen. „Ich weiß dich zu wahren, mein Herz! Wer dir Harm zufügt, der stirbt!“

Es donnert aus dem hellen Himmel und ein leichter Windstoß kräuselt das Wasser. Ein Gewitter naht. Wir gehen zurück. Im Gras hüpft ein Wicht und ich sehe in seine Richtung. Die Mädchen laufen längst mit Gara in Haus. Die Jungen jedoch laufen der Sklavin Lo hinterher am Flußufer entlang, sie ziehen schnell schwimmende Borkenbote. „Mutter!‘ Rufen beide mir zu, „Mutter, sieh her!“ Die kleinen Fäuste halten feste Fäden, an denen ihre Schiffchen in der Strömung der Mündung zutreiben. Frodewin setzt beide auf je eine Schulter. Ich ergreife wieder seine Hand. Die Sklavin trägt trödelnd das nasse Spielzeug. Der Falke schreit noch einmal und steht rüttelnd über dem Hof. „Hab‘ Acht!“ Sagt Frodewin leise im Schreiten. Die Sonne neigt sich gegen Abend.

In der Nacht, in der ich meinen zweiten Sohn gebäre, sind Gara und Gaska meine Gehilfinnen. Tore ist noch immer mit seinen Brüdern in Pferdegeschäften unterwegs. Mein neuer Sohn ist groß und schreit kräftig. Ich werde ihn Tore später zeigen. Gara und Gaska sind nach getaner Arbeit so müde wie ich. Die Sklavin Lo kommt ihnen ungebeten zu Hilfe. Ich will sie nicht bei mir haben. Gara weist sie hinaus, als sie leise murmelnd wiederholt versucht, mir lauwarmes Kräutergebräu einzuflößen, während ich ihre Hand mit dem Löffel unwillig weg schiebe. Meinem Sohn lasse ich nicht aus den Armen, als ich endlich einschlummere. Ich wache irgendwann auf. Es scheppert. Im Mondschein glänzt eine kupferne Schale an der Schwelle der äußeren Tür. Niemand ist da. Wieso bin ich allein mit meinem Neugeborenen? Ich bin so müde, so müde. Einer vom kleinen Volk reckt sich flink in die Höh‘ hinter der Kupferschale, nähert sich vorsichtig. Seine Mütze ist naß. Mein Kind erwacht wimmernd und ich rufe, so laut ich eben kann. Es ist nicht laut genug, um die Mägde zu wecken. Lo kniet neben mir wie ein Schatten, und will das schwach zappelnde Bündel aus meinen Armen nehmen. Der große Bronzekrug fällt um, das Wasser spritzt. Ein Kleiner hat ihn zu Fall gebracht. Das endlich weckt die Mägde. Sie erscheinen vom Schlaf verwirrt und da ist Lo meinem Blick schon entschwunden. Meinen Sohn ist aus meinem Arm geglitten. Ich schreie schwach, ehe mir die Sinne schwinden.

Ich träume. Ich fliege wie der Falke pfeilschnell zwischen Ruriks Gehöft und Haithabu hin und her, ich suche Helgard und Tore, stoße herab mit einem Warnschrei. Es ist Helgard, die ich wie mit Falkenaugen verschwommen neben mir sehe, es ist Tores Wutgebrüll das ich draußen höre. Nein, er schreit nicht vor Wut! Der mächtige Tore flucht den Göttern in seinem Schmerz und in seiner Furcht. Ich blinzele meine Falkensicht hinweg, ich sehe Helgard an, raune: „Ich lebe noch, geh‘ beruhige ihn!“ Helgard erhebt sich von meinem zerwühlten Lager. Wie lange habe ich hier gelegen? Ich bin hellwach, denn mir wird klar: Mein Sohn ist tot! Und Tore fürchtet, ich werde es auch bald sein. Er weiß nicht, daß ich nicht sterben werde, er hat den kräftigen Schrei von Frodewins Bastard nicht gehört. Niemand weiß von dessen Vaterschaft oder von den Tränken der Sklavin. Ich muß mit Helgard reden, schnell.

Es ist still. Helgard kommt zurück. Ehe sie den Mund öffnen kann, wispere ich, drängend, in Unterbrechungen, während sie mir den Becher mit ihren Heiltrank immer wieder an die Lippen hält. Ich trinke und suche mit den Augen vergeblich die Kupferschale auf der sonnenhellen Schwelle. Helgard nickt beruhigend, ruft Mägde, die mich waschen und pflegen sollen. Sie geht, um die Kupferschale, den Löffel und den Rest von Los Gebräu zu finden. Gara kommt, ihr steht der Schreck vor Tores maßloser, anschuldigender Wut noch ins Gesicht geschrieben. Während sie sich um mich bemüht, versichern wir einander, wie kräftig und schön der Knabe gewesen sei. „Er hat gebrüllt wie Tore!“ Lüge ich, und ich denke dabei an Frodewin, Blitgard und die kommenden Lügen und die Trauer. Noch kann ich mich ihr nicht hingeben, denn ich brauch all meine Kraft, um schnell zu genesen.

Schwäche und Schwindel halten an, meine Brüste schmerzen. Jedoch ich erhebe mich mithilfe von Helgard beim nächsten Sonnenaufgang. Sie geleitet mich mit Gaska zur Halle. Gara trägt die verhüllte Leiche des Neugeborenen hinterher. Drei Schritte vor den eben geöffneten Flügeln steht Jarl Tore. Helgard beginnt zu sprechen, während hinter dem Jarl die Karle aus der dunklen Öffnung kommen. „Höre, Jarl meine Klage und die Klage der Zeugen!“ Der große Mann strafft sich neigt sein Ohr zur rechts stehenden Helgard und legt die Hand auf den Schwertknauf. Ruhe tritt ein, als Helgard berichtet. Sie macht schickliche Pausen, um die Zeugen sprechen zu lassen: Gara, Gaska und zuletzt mich. Meine Schwester faßt ihre Schilderung sehr kurz. Gaska bestätigt: „Herr wir hielten nach natürlicher Arbeit und gewöhnlicher Zeit einen kräftig schreienden, strampelnden und dann auch gierig trinkenden Knaben im Arm! Nicht das! “ Sie deckte die kleine blasse, steife Leiche auf. Gaska fügt noch hinzu: „Er brüllte und trank wie du Herr, und deshalb schlummerten wir alle. Er im Arm der Herrin wir hinter dem Vorhang am Boden.“

Helgard fährt eilends fort.“ Ich wäre nicht hineingekommen, wenn die äußere Tür nicht das hier am Zufallen gehindert hätte.“ Helgard hält die Kupferschale mit einem schäbigen Rest purpurnen Saftes und einen rotgefärbten Holzlöffel empor. Sie macht eine Pause, als sie zurücktretend des toten Kindes Mündlein öffnet. „Ich kam zu spät!“ Wie geschickt sie doch vermieden hat, zu erwähnen, daß sie in Falkengestalt zu mir hinein geflogen kam, als die Mägde noch eilig nach Wasser und Hilfe liefen. Wo hat sie Schale und Löffel gefunden? Da fordert Helgard mich auch noch auf, meine Zunge zu zeigen. Ich tue es und spreche laut: „Dank deiner Heilkunst hast du mich gerettet, obwohl ich schon zu schwach war, die zu halten, die mir und dem Kleinen das Gift aus der Schale eingelöffelt hat.“ Heilgard tritt wieder neben mich und hält mich verborgen aber fest aufrecht. Ich stehe und schweige.

Mein großer, sehr selten so zorniger Mann fragt sehr leise: „Wer war es?“ „Deine Sklavin Herr!“ Hinter ihm schießt Teningur hervor. Ich sehe nicht, wo er bleibt. Ich sehe Jarl Tore in die Augen, bis er mich aus seinem Blick entläßt: „Heute Abend halte ich Gericht. Ihr mögt nun gehen!“

Helgard und Gara bringen mich auf mein Ruhelager. Gaska trägt meine kleine Hoffnung zu Grabe. Er ist nicht einmal alt genug geworden, für ein eigenes Grab. Heilgard tröstet mich leise. „ Ich habe in Hels Spiegel geschaut: Du wirst wieder Kinder haben, gib nur Acht, daß sie nicht von Tore sind. Blitgard ist bei der Geburt ihres Mädchens gestorben. Du kannst es nähren und pflegen statt eines Sohnes. Willst du?“ Ich nicke nur, denn ich weiß das alles schon.

Ich bin so schwach, hellsichtig und hellhörig, daß ich Frodewins Pferd höre, ehe er die Pfähle des Vorwerks erreicht hat und ich Helgards Mädchen sehe, bevor sie bei mir eintreten. Die weichen nicht von meiner Seite bis Frodewin kommt und mir ein zartes, weißrotes Kind in die Arme legt. Sie riecht wie Frodewin und ist ausgehungert. Ich schicke die Zwillinge nach einer Mahlzeit für mich und den traurigen Kindsvater. Schon daß er da ist, macht mich lebendiger. Speis und Trank helfen auch. Und dann erfahre ich von meinem Bruder das Geheimnis und das Geschick der Sklavin Lo. Teningur hat alles aus ihr herausgebracht und Jarl Tore hat sie zum Tod verurteilt. Frodewin beschreibt, wie sie ihre ganze, beinahe unglaubliche Geschichte heraus gewispert, geschrien und gekreischt habe. Ihre Mutter war die Zwillingsschwester meiner Mutter. Eine war die Herrin des Gehöfts, die andere eine Nonne eines neuen Klosters auf dem Land, das Jarl Rurik und seine Karle erobert hatten. Jarl Rurik überließ seinen Vettern die Ländereien ums Kloster mitsamt den Klosterschwestern und auch den reichen Gutshof, dessen Männer sie erschlagen hatten. Rurik kam reich an Schätzen zurück. Eine Eroberung war ihm mehr wert als Land, Waffen, Silber und Gold: meine Mutter. Er nahm die schwangere Herrin von der grünen Insel zu seiner rechtmäßigen Frau. Ihre jungfräuliche Schwester blieb als Sklavin bei den neuen Herren des Hofes. Geschwängert hat diese aber Jarl Rurik dann erst bei der nächsten Beutefahrt. Ihre Tochter floh auf den Strand zu den Wikingerschiffen, wo Frodewin sie fand. So kam ein mir ähnliches Mädchen als Geschenk von seinem Erben in Jarl Ruriks Halle, meine Halbschwester. Und so erfahre ich, daß Frodewin nicht wirklich mein Halbbruder ist. Jarl Rurik wußte es, hat mich jedoch als seine Tochter anerkannt, Jarl Tore hat mich geheiratet. Ich bin rechtmäßige Tochter und Gattin, Herrin auf zwei Höfen, sie Tochter einer Sklavin und entflohene Sklavin. Meiner Mutter Geschwisterkind war von Neid zerfressen. Sie wollte an meine Stellung, mein Leben. Grausam und begreiflich!

Ich frage, weil ich noch Gefahr wittere: „Hat sie gewußt, daß alle meine Kinder von dir sind?“ Frodewin streicht mir übers Haar. „Nein! Aber ihr Sohn ist jetzt Tores einziges überlebendes Kind. Wie hat sie das gemacht? Zauber?“ Ich sinne darüber nach. Ich werde Helgard fragen müssen… Frodewin erzählt weiter. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie den mächtigen Tore Mord, Verrat, Gift und Zauber erzürnt haben müssen. Man solle die Sklavin in grobes Leinen wickeln und lebendigen Leibes im Moor ertränken: Jarl Tore wolle sie weder lebendig noch tot auf seinem Land haben. So lautete das Urteil, das Teningur vollzog.

Welche Götter haben diesem Mädchen das Geschick bereitet? Warum war sie ihrem, ihr wohlgesonnenen Herrn auf der grünen Insel entlaufen, zu gleichgültigen, wenn auch nicht grausamen Feinden geflohen? Um sich und ihre Mutter an Jarl Rurik zu rächen? Warum war sie nie zufrieden? Teningur hatte sie in seinem sauberen Bett, ehe er sie ins Moor versenkte. Man sagt, Tote im Moor finden nirgends Ruhe, selbst Hel weise sie zurück. Mich schaudert.

Ich träume des Nachts von Wasser und Kälte. Ein großer Fisch schnellt sich hoch in die Luft, spricht zu mir, doch das Tosen des Wasserfalls läßt mich nicht verstehen. „Netz!“ Höre ich nur, ehe der Lachs über dem Fels verschwindet. Ich erwache mit bösen Ahnungen. Helgard muß mir diesen Traum deuten. Endlich kommt sie und holt mich ins Mittagslicht. Es ist ein Traum von Loki, der in Lachsgestalt dem Netz der Asen entkommt. Eine Versicherung für mich, daß ich bösartigen Nachstellungen entgangen bin. Wir setzen uns auf den sonnenwarmen Gabenstein. Hinter dem Ginster winkt mir ein Wicht. Ich bin sicher. Helgard spricht von Giften, die ich mit den Tränken der Sklavin geschluckt habe, häufiger und länger, als ich ahnte. Für mein Neugeborenes reichte ein einziger Löffel voll zum Tod. Helgard hat auch fremde Runen auf all meinen Habseligkeiten entdeckt. Sie hat die Zauber ausgelöscht, ausgeschnitten und verbrannt. „Wer diese Runen lesen kann, kennt dein gefährliches Geheimnis“ Warnt sie mich. „Frodewin versichert, die Sklavin hätte nichts gesagt...“ Ich zögere und Helgard unterbricht mich: „Teningur hat ihr bei der ersten Silbe die Kehle zugedrückt, als sie deinen Namen zu schmähen begann. Ich weiß nicht ob er ihre Zauber oder ihr Wissen fürchtete. Er rettete absichtlich oder unabsichtlich deine Ehre und deine Zukunft.“

Wir werden unterbrochen. Helgard muß ohnehin wieder fort. Die alte Völva ruft sie zu Harald Blauzahn. Männer nähern sich, Frodewin und hinter ihm Teningur. Ich gehe ihnen entgegen. Frodewin will auch wieder fort, auf große Fahrt. Er will Teningur in seiner Mannschaft haben. Dieser kenne die Küstenstädte des südlichen Meeres. Ich soll Fürsprache für dieses Vorhaben bei Jarl Tore einlegen. Ich will das nur tun, wenn ich erfahre, warum die Sklavin zu Frodewin entlaufen ist. Einer von beiden muß es wissen. „Sie hat ihrer Mutter geschworen, an Jarl Rurik Rache zu nehmen und sie brach diesen Schwur, um sich das Leben einer freien Frau an der Seite eines Jarls zu erschleichen. Du warst ihr einfach nur im Weg.“

Tore willigt ein, seinen Mann Teningur und seine jüngsten Brüder mit Frodewin für einige Sommer und Winter ziehen zu lassen. Seine jüngsten Brüder sind dann unter dessen Augen. „Der Südländer wird ein besseres Schwert brauchen. Alfrada, geh zum Schwarzen Schmied im Moor, versprich ihm was immer er fordert für eine Ulfberht - Klinge.“ Jarl Tore muß seinen Mann schätzen, denke ich, genug für eine sagenhafte Klinge, aber nicht genug, um mich zu bitten, ihm selbst, der ja nun seit unserer Heirat auch zur Ruriksippe gehört, den geheimen Weg zur Schmiede zu zeigen. Jarl Tore der kluge und kräftige Kämpe fürchtet also geheimes Wissen und Geister! Ich muß durchs Moor.

Helgards Traumdeutung hat mich vor fallenden Wassern gewarnt. Das Moor ist still und ich glaube auch nicht, daß mir Gefahr droht. Loki, der Lachs, der Fuchs und der Falke verfolgt keine Pläne mit mir. Die Götterdämmerung hat noch Zeit. Loki ist dem Netz entgangen. So ähnlich hat Helgard mir meinen Traum gedeutet und hinzugefügt, daß die großen Kämpfe der Franken mit den aufständischen Obotriten und deren verbündeten Stämmen die drei Götter der Franken aufhalte. Und Harald und seine Jarle, die sie heimlich unterstützen auch, denke ich. Meine Sippe!

Mich hält nichts auf, nicht Gesicht noch Gespenst, nicht Nacht noch Schlaf. Ich gehe zu den lehmigen Schmelzöfen, folge dem Klang von Hammer und Amboß und bin meines Auftrags ledig, noch ehe der volle Mond durch die Nebel zum Himmelsscheitel aufsteigt. Das schwarze Schwert ist schwer. Ich weiß in etwa damit umzugehen, versichere ich mir selbst, als am Rande des Jungholzes ein riesiger Schatten auftaucht. Meine Hand, die schon rückwärts nach der Schwertscheide getastet hat, sinkt auf meine Fibel am Schultertuch. Ein Schatten hat keine Stimme. Ich höre und fühle, Frodewins Flüstern, Frodewins Nesteln, Frodewins Hände endlich auf meiner nackten Haut. Niemand sieht und, niemand hört uns, niemand neidet uns die hastige und heftige Begegnung. „Beim nächsten Vollmond ruf mich im Traum und künde mir einen neuen Sohn!“ Befiehlt mir mein Buhle, als er mir den Gurt Schwertscheide wieder schwer über die Brüste schnallt. „Frodewin, mein Schoß wird dir wieder Zwillinge schenken.“ Ich mag mich nicht von ihm lösen. Er schiebt mich auf den Weg zu Tore Gehöft. „Mir?“ Fragt er traurig dabei und wendet sich wieder dem Moor zu. Sein Weg führt ihn weit hinweg zu den Schiffen am Strand von Jarl Rurik. Im Traum wird er bei mir sein. Ich bin seine lebendige Heimat.

 

Copyright: © 2016 Xenia D. Cosmann
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