Rene Piehl

Mythologie -
was sind Mythen und dürfen wir neue Mythen erdichten?

 

Ve und Vili

Ve und Vili erschufen zusammen mit Odin das erste Menschenpaar Askr und Embla.
Odin hauchte ihnen Leben ein, Vil gab ihnen Verstand und Gefühl (Bewegung) und Ve gab ihnen Gehör, Sprache und Antlitz (und warmes Blut?).

Egal ob die 'Odyssee' des Griechen Homer oder die 'Edda' des Isländers Snorri Sturluson - ihre sagenhaften Geschichten sind der Teil der alten Religionen, von denen uns am meisten überliefert ist.

Dabei sind die Werke jener großen, alten Dichter gar nicht die eigentlichen 'Mythen'. Ein Mythos ist ein Narrativ - ein Sud aus lose zusammen hängenden Erzählungsbestandteilen, wenn man so will - dessen zentrale Bestandteile aber immer gleich und fest definiert sind. Der Mythos wird dann von den Skalden und Dichtern, denen man in heidnischer Zeit nachsagte, göttlich inspiriert zu sein, in Form eines Liedes, eines Gedichts oder einer Geschichte niedergeschrieben.

 

Beispiel gefällig? Nehmen wir den Nibelungen-Mythos - von dem sind vor allem zwei große dichterische Verarbeitungen bekannt: Einmal das 'Nibelungen-Lied', das um 1200 in Niederbayern erdichtet wurde, und dann die 'Sigurd-Lieder' und 'Atli-Lieder' des poetischen Teils der Edda, der nur wenige Jahrzehnte später genau am anderen Ende des germanischen Raums in Island geschrieben wurde. Die Verfasser der Werke kannten den Nibelungen-Mythos und seine einzelnen Elemente, wie etwa die zaubermächtige Walküre Brunhilde, ihre Gegenspielerin Prinzessin Kriemhild, die sich in den strahlenden Helden Siegfried verliebt, seinen Kampf mit dem Drachen und gewaltsamen Tod, die Schlacht der Nibelungen gegen den Hunnenkönig Attila, und so weiter.... das Grundmuster und die Protagonisten sind in allen Geschichten dieselben, nur die Details sind von den Dichtern unterschiedlich ausgeschmückt wurden.

Diese festen Grundmuster unterscheiden den Mythos übrigens auch vom Märchen: Bei ersterem müssen es in jeder dichterischen Verarbeitung dieselben Personen (Siegfried, Brundhilde,...), Orte (Atillas Hof, Worms,...) und Handlungsmuster (Kampf mit dem Drachen, Streit der Königinnen,...) geben. Bei Zweiterer sind Zeit und Ort unbestimmt - das Märchen spielt an keinem bestimmten Ort, sondern ganz lapidar 'hinter den sieben Bergen' oder 'in einem fernen Land' und die Figuren werden meist auch nicht namentlich genannt sondern sind einfach nur 'der König', 'ein Schneiderlein' oder 'die böse Hexe'.

 

Für den klassischen Mythos ist aber noch eines wichtig: Er gehört zum typischen Kulturgut eines Volkes, in manchen Fällen (Mythos von König Arthus beispielsweise) sogar vieler Völker. Die meisten Mythen die wir heute kennen enthalten sogar religiöse Elemente wie bestimmte Gottheiten und verehrte Helden.

Sie erklären wie die Welt geschaffen wurde, berichten von uralten Heldentaten, erläutern die Verhältnisse der Götter untereinander, singen von Urahnen und Gründervätern oder legitimieren Ansprüche auf Land, Macht oder Ressourcen.

 

Aber was für ein tieferer Sinn steckte hinter den Mythen? (Denn schon damals waren die Menschen nicht blöd und hätten tatsächlich geglaubt, dass z.B. Iupiter also ein Mann mit Rauschebart in den Wolken thront und Blitze hinunter wirft) Da waren sich selbst die alten Gelehrten nicht ganz sicher. Manche meinten, dass die Mythen eigentlich Vorgänge in der Natur symbolhaft umschreiben (z.B. das alljährliche Wiederkehren des Frühlings und sein Sieg über die kalte, dunkle Jahreszeit). Andere glaubten, dass die Mythen Spiegel unserer Gesellschaft und des Menschen schlechthin sind (z.B. wenn sie aufzeigen, wie Eifersucht einem zum Verhängnis werden kann). Wieder andere sahen in den Mythen moralische Lehren, und noch andere hielten die Mythen eigentlich für historische Geschichten, deren menschliche Hauptcharaktere mit der Zeit zu Göttern umgedichtet wurden - der Ansicht war ja auch Snorri, als er die Edda schrieb: Er hielt die Götter der germanischen Mythologie für alte asiatische Könige.

Ein besonderes Verhältnis zu den Mythen hatte der berühmte altgriechische Philosoph Platon: Er sah in den Mythen das beste Mittel den Leuten den Kosmos anschaulich zu erklären. Platon meinte nämlich, dass der menschliche Geist aus drei Teilen bestünde - einem rationalen (der Vernunft), einem emotionalen (der Seele) und einem triebhaften (dem Instinkt). Wie der Kosmos, die Gesellschaft, der Mensch.... entstand, aufgebaut ist und funktioniert, das kann man anhand von Fakten, Zahlen und Tatsachen erläutern. Das nennt man dann 'Logos' (daher: Logik) und dies wird von der Vernunft erkannt. Doch wahrlich verinnerlichen kann man es nur, wenn auch die Seele es erkennt - und da sie mit Emotionen, Symbolen und unterschwelligen Botschaften kommuniziert, muss man nach Platon den 'Logos' mit eben diesen Symbolen, Emotionen und unterschwelligen Botschaften in Form von Dichtungen ausschmücken, ihn somit zum 'Mythos' machen und der Seele zugänglich zu machen.

Für Platon soll der Mythos also vor allem eines: Komplexe Themen in schöne Geschichten verpacken und daher gut verdaulich zu erklären.

 

Die meisten Gelehrten hatten jedoch kein so gutes Verhältnis zum Mythos wie Platon. Wobei, eigentlich schon - aber nicht zur dichterischen Verarbeitung des Mythos. Vielen waren die reich ausgeschmückten Werke der Dichter ein Graus, die heiligen und mystischen Götter wurden dort zu unmoralischen, lüsternen Menschen mit niederträchtigen Beweggründen. Diese greifbare, nahbare Menschlichkeit der Götter, die man heute im Neuheidentum so schätzt, wurde damals also viel kritisiert.

Und das einfache Volk? Tatsächlich spielten die Mythendichtungen und Lieder auch bei ihnen wohl keine allzu große Rolle. Wichtig war es, die Geister - natürlich ab und an auch die Götter zu verehren, und wenn das so, wie man es tat, klappte dann klappte es halt! Ganz egal, ob das nun zu dem Charakter passte, den Dichter und Barden diesen Geistern und Göttern nachsagten. Ihre Geschichten mochten zwar die Rituale ergänzen und ausschmücken, aber notwendig waren sie nicht.

 

DÜRFEN wir Neuheiden also neue Mythen zu Dichtungen verarbeiten? Ich sage ja, aber mit Einschränkungen. Zwingend nötig sind Mythendichtungen nicht - wenn man ihnen opfert und sie verehrt werden die Ahnen, Idisen und Wichte oder sogar die Asen einem beistehen, ganz gleich ob man sich bunte Geschichten zu ihnen ausdenkt oder nicht.

Hat man aber das Bedürfnis dazu, dann doch bitte mit tiefgründigerem Sinn. Es gab schon immer mehrere Ideen, was der tiefere Sinn eines Mythos sein soll, aber eigentlich war man sich stets einig, dass sie nicht der reinen Unterhaltung dienen - sondern eine tiefere bzw. höhere Bedeutung haben. Man hüte sich davor, die heiligen Götter all zu sehr zu Menschen zu machen.

 

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