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Waräger - Stammväter der Rus
Waräger - Stammväter der Rus


Aus Skandinavien, vornehmlich aus dem heutigen Schweden, kamen normannische Boote nach Süden gesegelt. Die Männer der Besatzung wurden „Waräger” (Wikinger) genannt. Ihr erster Fürst in den alten Chroniken hieß Rurik, die erste Frau deren Leben geschildert wird, war seine Schwiegertochter Olga. Vorher hatten Land und Menschen noch verschwommene Konturen. Auch Rurik war eine Figur im Halbdunkel und über seine Persönlichkeit, seine Herkunft, seinen Lebenslauf ist kaum etwas überliefert.

Erst mit Olga wurden die Ereignisse in Russland konkret. Jetzt endeten die Sagen und Legenden. Die russische Geschichte begann.

Olga war die erste von vielen kraftvollen russischen Frauen. Sie war die Stammutter des Herrschergeschlechts, das 700 Jahre lang in den russischen Fürstentümern regierte und schließlich auch die ersten Zaren des vereinigten Reiches hervorbrachte. In drei voneinander sehr verschiedenen Abschnitten ihres Lebens hatte Olga drei Namen und drei Gesichter.

Sie war die Tochter eines Pleskauer Waräger-Fürsten und hieß als junges Mädchen HELGA. Zum Zeitpunkt ihrer Vermählung wurde der germanische Name slawisiert und sie hieß ab diesen Zeitpunkt OLGA.

Olga hieß sie als Fürstin von Kiew, die den Tod ihres Mannes derart grausam rächte, dass die Chroniken in Detailschilderungen schwelgten. Olga hieß sie als Regentin, deren politischer Weitblick sie bewog, Verbindungen sowohl zum Kaiser von Byzanz als auch zum deutschen König zu suchen. Als sie im Jahre 937 Christin wurde, erhielt sie bei der Taufe den Namen HELENA. Nach ihrem Tode wurde sie heiliggesprochen und alle Ikonen, die ihrem Andenken gewidmet sind, ziert noch heute der Name „Heilige Helena”.

Die drei Namen sind symbolhaft für Olgas Leben ebenso wie Olgas Leben symbolhaft ist für die frühe Geschichte des russischen Volkes. Für die Verschmelzung unterschiedlicher Kulturen und Wesensarten. Diese Tochter eines warägischen Stammesfürsten, die zur russischen Fürstin wurde, fasste die ganze Spannweite eines Lebens zwischen der Ostsee und dem schwarzen Meer zusammen. Sie vereinte normanischen Wanderdrang, die Beharrlichkeit einer slawischen Urgesellschaft und byzantinische Dekadenz. Alle Extreme waren in ihr vereint.

Die Waräger waren das östliche Pendant jener westlichen Normanen, die zur gleichen Zeit nach Deutschland, England und Frankreich segelten. Sie kamen auf schmalen schnellen Booten im 8. und 9. Jh. von Insel zu Insel über das Meer, drangen in den Finnischen Meerbusen ein, durch die Newa in den Ladoga See, durch die Narwa in den Peipus See, durch die Rigaer Bucht in die Dwina und all den Flüssen bis tief in das Innere des Landes. Sie fanden Verbindungen kreuz und quer über das verzweigte Netz russischer Wasserwege bis zur Wolga, zum Dnjepr und zum Don. So gelangten sie auch in das Schwarze Meer. Zur Sicherung ihrer Verbindungswege legten sie an allen wichtigen Knotenpunkten befestigte Siedlungen an.

Sie waren Seefahrer und Räuber, Kaufleute und Krieger und sie waren Sklavenhändler. Aus den unendlichen Wäldern des Rus holten sie die „Ware”, die zu jener Zeit bei den westlichen und südlichen Nachbarn besonders begehrt war, nämlich Menschen, weil diese die wichtigste Arbeitskraft waren. Die Waräger fingen sie überall, wo sie ihrer habhaft werden konnten oder kauften sie von anderen Menschenfängern. Dann beförderten sie die Gefangenen mit Schiffen in den Süden und verkauften sie auf den Märkten am Schwarzen Meer. Da diese Sklaven wegen des heißen Klimas meistens schnell starben, bestand ein ständiger Bedarf an Nachschub dieser wertvollen lebenden Menschenware.

Die slawischen Völker, in deren Siedlungsgebiete die Waräger eindrangen, nannten sich Kriwitschen und Dregowitschen, Radimitschen und Wjatitschen, Lutschanen u.s.w. Sie lebten in Sippengemeinschaften und Stammesverbänden, aber ohne politische Ordnung. Sie waren hauptsächlich Jäger und Sammler aber auch Bauern, die schon den Ackerbau kannten. Dieser Völkerverbindung, die aus all den verschiedenen Stämmen entstand, gaben die Waräger, als sie sich schließlich mit ihnen vermischten, einen eigenen Namen : „RUS”. Dieser Name der auf diese Weise für das Land und die politische Gemeinschaft entstand, existiert in abgewandelter Form noch heute. Es ist der Name „RUSSEN”. In dem weiten Raum, der nach Norden und Osten noch unbegrenzt war, wuchs das Volk der Russen zusammen. Genauso wie zur gleichen Zeit im Westen das Volk der Deutschen zusammenwuchs, aus romanischen und keltischen, aus slawischen und germanischen Elementen.

Die Siedlungen entwickelten sich zu Herrschaftsbereichen, die sich immer weiter ausbreiteten und zu Fürstentümern wurden. Die Waräger waren geschickte Handwerker. In der Schiffsfahrt waren sie die tüchtige Anführer der Boote. Dort, wo sie sesshaft geworden waren, fügten sie nach kurzer Zeit die verstreut lebenden slawischen Ureinwohner in ihre straff organisierten Gemeinschaften ein und sie wurden Dorfälteste, Stammeshäuptlinge und Fürsten.

Andererseits verschmolzen sie schon bald mit ihren slawischen Nachbarn so vollkommen, dass sie ihre eigene Sprache aufgaben. Die Waräger heirateten die Töchter der Slawen, ihre Kinder lernten die Sprache der Mütter und von den Vätern einige Worte, die sich nicht übersetzen ließen. Wörter die aus dem Schiffsbau, der Seefahrt und dem Handel stammten. Die meisten Begriffe der gesellschaftlichen Ordnung blieben bestehen. Anfangs führten sie noch ihre alten germanischen Namen, aber auch diese nahmen allmählich slawische Formen an. Zum Beispiel entstand aus Helgi Oleg, Waldemar verwandelte sich in Wladimir, Hakon in Jakun und Ingvar in Igor, um nur einige Beispiele zu nennen.

In den Verschmelzungsprozess brachten die Waräger trotzdem sehr viel von ihrer Erbmasse ein: Aktivität und Eroberungsdrang, technische Fähigkeiten und Unternehmungslust, vor allem aber die Begabung, sich zu entwicklungsfähigen Gemeinschaften zusammenzuschließen. Von nun an wurden sie nicht mehr als Waräger (russ. "Warjagi") bezeichnet denn das Wort "Waräger" bezeichnete immer nur Fremde - niemals Einheimische bzw. Integrierte.
Es kamen jedoch bis ins 13. Jahrhundert immer wieder neue Krieger aus Skandinavien um in der Kiewer Rus eine Zeit lang als Söldner zu dienen. Diese fremden Skandinavier wurden weiterhin als Waräger bezeichnet in Abgrenzung zu den einheimischen Rus .

Die Berichte über die ersten Staatengründungen Russlands stammen aus der NESTOR-CHRONIK. Sie ist die älteste Quelle russischer Geschichtsschreibung. Die Berichte wurden von einem Mönch namens Nestor im Höhlenkloster bei Kiew Ende des 11. Jh. und nach mündlichen Überlieferungen, die ein greiser Mitbruder gesammelt hatte, aufgezeichnet.

Im 19. Jh. gab es unter russischen Historikern Bestrebungen, den Anteil der Waräger an der Entstehung des russischen Volkes abzuwerten und diese als einen rein slawischen Schöpfungsakt darzustellen. Dagegen konstatiert der Geschichtsforscher Mirskij: "Zweifellos waren Normanen die Begründer der ersten russischen Dynastie." Ein anderer sowjetischer Historiker, Petrovskij, bestätigt: "Ohne Frage waren die ersten Nowgoroder und Kiewer Fürsten deren Namen wir kennen, schwedischer Abstammung".


Quellen:
uni-protokolle.de

.. sich erinnern heißt nicht Asche streuen, sondern das Feuer weitergeben ..

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