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Schlachtfeld aus der Bronzezeit
GRABUNG IN MECKLENBURG-VORPOMMERN
Schlachtfeld aus der Bronzezeit

Vor mehr als 3300 Jahren kämpfen Menschen am Tollense im heutigen Mecklenburg-Vorpommern eine brutale Schlacht. Archäologen der Uni Greifswald legen seit Jahren ihre Knochen frei. Die Grabung ist noch lange nicht beendet.

Träge windet sich die schmale Tollense durch ihr Tal. Eine Gruppe Kanuten paddelt gegen die Flussströmung an, bewundert die unberührte Landschaft mit ihren sattgrünen Weidenhängen, auf denen Rinder weiden. Nur ein Trupp Archäologen, die unmittelbar am Ufer in flachen Gruben scharren, passt nicht so recht ins sommerliche Idyll am Fluss. Vor mehr als 3300 Jahren, sagt Ronald Borgwardt, sei es hier kriegerisch zugegangen. Alle bisherigen Funde deuteten auf ein brutales Scharmützel hin.

Der 43-jährige Schlosser ist ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger und Auslöser für eine der spektakulärsten Forschungsgrabungen der vergangenen Jahrzehnte in Mecklenburg-Vorpommern. Im Sommer 1996 hatten seine Eltern bei einer Paddeltour mehrere menschliche Knochen aus einer Abbruchkante am Flussufer gezogen.

Pfeilspitzen und hölzerne Waffen

„Bis zur Dämmerung standen wir hüfthoch im Wasser und bargen zwei Kippen voller Knochen“, sagt er. „Tags darauf bin ich noch mal zu der Stelle und habe dort einen Oberarmknochen mit einer Pfeilspitze entdeckt. Da schwante mir, dass hier irgendwann mal etwas Besonderes geschehen sein musste.“ Es wurde die Entdeckung seines Lebens. Denn wenig später fand der Hobbyarchäologe auch noch zwei hölzerne Waffen aus der Bronzezeit, die in ihrer Form heutigen Baseball- und Cricketschlägern ähnelten. Nach und nach wurde klar, dass man an dem vorpommerschen Flussufer nördlich von Altentreptow auf das bislang einzige bronzezeitliche Schlachtfeld nördlich der Alpen gestoßen war.

Inzwischen sind auf einem Grabungsareal von gerade mal 180 Quadratmetern schon mehr als 70 Schädel und 100 Oberschenkel entdeckt worden. Allein seit Juni dieses Jahres hätten Greifswalder Studenten im sandigen Torf wieder 15 Schädel, mehrere Kiefer sowie unzählige Hand- und Fußknochen geborgen, sagt Grabungsleiterin Jana Dräger. Hinzu kämen Hunderte Pferdeknochen, möglicherweise Relikte der ersten Reitpferde in der Region. Die Expertin zeigt auf die jüngste Entdeckung, nur 50 Zentimeter tief in der Uferböschung, in der gerade die Greifswalder Praktikantin Madlen Milewski vorsichtig einen weiteren Schädel und eine grünlich schimmernde Pfeilspitze freilegt.

Taucher bergen goldene Schmuckringe

Im Unterschied zum Vorjahressommer, als das Areal nahezu komplett unter Wasser stand, können die Forscher derzeit unter optimalen Bedingungen an der Tollense arbeiten. Durch den zurzeit nur zwei Meter tiefen Fluss schnorcheln gerade Frank und Sonja Nagel. Die beiden Forschungstaucher hatten vor einem Jahr nur 400 Meter stromaufwärts kleine Schmuckringe aus Gold entdeckt. Zudem bargen sie aus dem Morast Spiralringe aus Zinn, etwa 23 Gramm schwere Ringbarren, die vor über drei Jahrtausenden zur Herstellung von Bronze dienten.

Inzwischen werden die Taucher auch von Rechtsmedizinern unterstützt. Im Taucheranzug schwimmt Ulrich Hammer vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Rostock die Uferkante ab. „Wir bringen unsere Kenntnisse über das Verhalten menschlicher treibender Körper ein“, sagt er. Möglicherweise könne so geklärt werden, wie die menschlichen Überreste im Laufe der Jahrhunderte zum Beispiel durch Hochwasser abdrifteten.

Die Arbeit im Tollensetal gleiche einem kriminalistischem Puzzle, sagt Thomas Terberger, Professor für Ur- und Frühgeschichte der Universität Greifswald. „Wir können unmöglich das gesamte Areal freilegen, aber wir hoffen, mit unseren Einzelgrabungen herauszufinden, was sich einst hier zutrug.“ Er sei sich inzwischen ziemlich sicher, dass hier auch irgendwo siedlungsartige Strukturen verborgen seien.

Hinweise auf frühere Flussquerung

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat bereits 527.000 Euro für die weitere Erkundung bis zum Jahre 2014 bewilligt. Mit neuen Grabungsschnitten am andern Flussufer und zusätzlichen Tauchereinsätzen hoffen die Forscher neue Erkenntnisse über das Geschehen vor 3300 Jahren zu finden. Rätsel geben zum Beispiel jüngst entdeckte Holzstrukturen stromaufwärts auf. „Wir sind uns noch nicht sicher“, sagt Terberger. „Aber es könnten Hinweise auf eine frühere Flussquerung sein.“

Quelle:
www.fr-online.de/wissenschaft

.. sich erinnern heißt nicht Asche streuen, sondern das Feuer weitergeben ..

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