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Die Echte Betonie - Betonica officinalis
Die Kräuter des Neun-Kräuter-Segen

Die Echte Betonie - Betonica officinalis

Wenn es um die Übersetzung alter Überlieferungen geht, ist man sich nicht immer einig, worum es sich bei einem bestimmten Begriff handeln könnte. Das ist auch in den folgenden 5 Zeilen des "Nine Herbs Charm" der Fall, denn der Begriff "attorlaðe" wird in einigen Übersetzungen als Heilziest definiert, andere bevorzugen den Schlangenknöterich. Nach Abschluss meiner Recherchen bin ich davon überzeugt, dass hier der Heilziest bzw. die Echte Betonie gemeint ist.

upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b7/Pseudo-Apuleius_Leiden.jpg
18. þis is seo wyrt seo wiþ wyrm gefeaht,
Dies ist das Kraut, das gegen die Schlange focht,

19. þeos mæg wið attre, heo mæg wið onflyge,
dies hat Macht gegen Gift, es hat Macht gegen Ansteckung,

20. heo mæg wið ðam laþan ðe geond lond fereþ.
es hat Macht gegen das Übel, das über Land fährt.

21. Fleoh þu nu, attorlaðe, seo læsse ða maran,
Vertreibe du nun, attorlaðe [Heilziest/Natterntopf/Nachtschatten/Hühnerhirse],
[du] das kleinere [Kraut] das grössere [Gift],

22. seo mare þa læssan, oððæt him beigra bot sy.
[du] das grössere [Kraut] das kleinere [Gift], bis er von beiden genest.




Beschreibung der Heilpflanze:
Die Echte Betonie, (Betonica officinalis), ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Betonien (Betonica) innerhalb der Familie der Lippenblütler.
Der lateinische Artname Betonica lässt sich vom spanischen Volksstamm der Vettonier ableiten, die die Pflanze zum ersten Mal als Arzneimittel eingesetzt haben (Plinius). Die volkstümlichen Namen leiten sich von "Betonica" ab: althochdeutsch "bathenia, pandonia", mittelhochdeutsch "betonick, bathonien" und neuhochdeutsch "Batunge, Batenge". Weitere deutsche Trivialnamen für die Echte Betonie sind Heil-Ziest, Echter Ziest, Gemeiner Ziest, Flohblume, Pfaffenblume, Zahnkraut oder Zehrkraut.

Die Echte Betonie ist in ganz Europa und im Kaukasus verbreitet und gedeiht bevorzugt auf mageren Böden von Wiesen, Weiden, an Waldrändern und Waldlichtungen bis in 1800 m Höhe. Sie ist eine krautige, mehrjährige, 20 bis 60 cm hohe Pflanze mit aufsteigenden Stängeln. Die gegenständigen, gestielten Blätter sind eiförmig bis lanzettlich und an den Rändern gekerbt bis gezähnt. Ein Teil der vorwiegend an der Unterseite behaarten Laubblätter steht in einer grundständigen Rosette. Jeweils etwa zehn violettrote Lippenblüten in quirlartigen Blütenständen im oberen Stängelabschnitt der Echten Betonie bilden die charakteristischen Scheinähren - daher wurde sie von manchen Autoren der Gattung der Zieste (Stachys) zugeordnet. Die Blüten sind nektarführende, vormännliche Lippenblumen und werden durch Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Schwebfliegen bestäubt. Die Blütezeit ist von Juni bis September. Wind und Tiere sorgen für die Ausbreitung der Samen. Die Echte Betonie besitzt ein ausgedehntes, unterirdisches, knotiges Rhizom.

Heilwirkung:
Heilziest - schon der deutsche Name der Echten Betonie verrät, dass diese Pflanze wohl ein sehr beliebtes Heilkraut war und bei vielen verschiedenen Krankheiten (auch mit nicht spezifischen Symptomen und Beschwerden) als Heilmittel eingesetzt wurde. Antonius Musa, der Leibarzt von Kaiser Augustus, beschrieb sie als "Allheilpflanze mit der Kraft, nicht weniger als 47 Krankheiten heilen zu können". Seit ihrer herausragenden Erwähnung in Dioskurides Werk "De Materia Medica" hatte die Echte Betonie 1800 Jahre lang eine große historische Bedeutung als Heilpflanze.

„Das Kestron, welches auch Psychotrophon heisst, weil es in den kältesten Gegenden sich findet und welches die Römer Vettonica nennen, ist ein Kraut mit dünnem, vierkantigem Stengel von der Höhe einer Elle oder grösser. Die Blätter sind gross, weich, denen der Eiche ähnlich, am Rande eingeschnitten, wohlriechend, an der Wurzel aber größer.“

-Dioskurides: De Matiera Medica. Viertes Buch, Kap. 1

Ihre weit verbreitete Anwendung in der Antike und im Mittelalter ist durch die häufige Darstellung in klassischen Medizin- und Kräuterbüchern vielfach belegt und im europäischen Mittelalter wurde die Echte Betonie in den Pflanzenlisten der kaiserlichen Gärten Karls des Großen 812 erwähnt. Als beliebte Heilpflanze hatte sie dadurch einen Stammplatz in jedem Klostergarten oder wurde um Kirchen gepflanzt.

Das (blühende) getrocknete Kraut (Droge) der Echten Betonie enthält ätherische Öle, Gerbstoffe und Bitterstoffe, Cholin und Stachydrin. Sie wirken schlaffördernd, blutdrucksenkend, blutstillend und entzündungshemmend. In der Volksmedizin hat die Echte Betonie bis heute ihren festen Platz und wird zur Behandlung von Durchfallerkrankungen, Verdauungsstörungen, Erkrankungen der Harnwege, Katharren der Atemwege, als Gurgelmittel bei Schleimhautenzündungen im Mund- und Rachenraum, sowie als Analgetikum bei Schmerzen und äußerlich als Wundheilmittel eingesetzt. Als homöopathische Anwendungsgebiete werden Erkältungen, Asthma, Oberbauchbeschwerden und Schwächezustände angegeben.

Zur Betonie existierten viele altertümliche und abergläubische Vorstellungen. Römische Gladiatoren trugen sie als Schutz gegen Verletzungen bei sich. Man glaubte auch, Heilziest habe die Kraft, böse Geister und dunkle Visionen zu vertreiben und mit einem roten Band als Amulett um das Handgelenk oder um den Hals getragen, sollte die Betonie unter anderem vor Hexerei und angehexter Liebe schützen.
Die große Wertschätzung als Schutzmittel gegen Hexerei in der angelsächsischen Kultur zeigt ein englisches Gedicht aus dem 14. Jahrhundert ("A treatise in rhyme on the virtues of herbs"), in dem unter 24 besungenen Kräutern die Betonie an erster Stelle steht:

“Of erbs xxiiij I woll you tell by and by
Als I fond wryten in a boke at I in boroyng toke
Of a gret ladys preste of gret name she barest
At Betony I wol begyn at many vertuos het within.”

Neben ihrer Verwendung als Arzneimittel wurde die Echte Betonie auch als Nutzpflanze eingesetzt. Sie diente als Würzmittel von Wein und Bier und das Pulver der getrockneten Blätter war ein Bestandteil von Schnupftabak - was in beiden Fällen auch einen medizinischen Hintergrund hatte. Als Färbemittel schenkten getrocknete Echte Betonien Wolle und Textilien eine dunkle, gelbe Farbe.


Hinweis: Die im Artikel vorgestellten Anwendungen sind keine Anleitungen zu medizinischen Anwendungen!


Verwendete Literatur:
"Der Kosmos-Heilpflanzenführer" von Schönfelder
"Heilpflanzen - Die wichtigsten Arten entdecken und bestimmen" von Renate Hudak
"Kräuter" von Maria Teresa Della Beffa

Bild:
Betonie in einem Pseudo-Musa-Manuskript. Leiden 6. Jh. (Wikipedia, gemeinfrei)

Weiterführende Webseiten:
Pflanzen und Heilkräuter http://www.feenkr...index.html
Wikipedia - Echte Betonie https://de.wikipe...te_Betonie

Bearbeitet von Siglinde Litilvoelva am 19-12-2016 18:46

Und allen die es nicht wissen, sei es gesagt: Völva bedeutet, 'Sie, die sieht',
aber nicht die Zukunft, wie man allgemein glaubt, sondern die wahre Natur des irdischen Lebens.
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