Josef Calasanz Poestion

Die Saga von Fridthjof dem Starken.
(Friðþjófs saga hins frœkna)

4. Theil

 

Siebentes Kapitel

Fridthjof bei Angantyr

 

Angantyr herrschte auf Effia, als Fridthjof und seine Mannen an's Land kamen.

Es war seine Gewohnheit, wenn er trank, dass ein Mann am Fenster seines Trinksaales sitzen und in die Luft hinaus sehen und Wacht halten sollte. Er musste aus einem Thierhorne trinken, und ein anderes wurde gefüllt, wenn er mit einem fertig war. Hallward hiess, der da Wacht hielt, als Fridthjof an's Land kam.

Hallward bemerkte die Fahrt Fridthjofs und seiner Leute und sang die Weise:

„Männer seh' ich schöpfen

Im mächtigen Sturme,

Sechs auf Ellide,

Aber sieben rudern.

Was vorn im Steven

Ausfällt mit den Rudern

Gleicht dem streitbaren

Fridthjof, dem starken.“

Und als er das Hom geleert hatte, warf er es hinein durch das Fenster und sagte zu dem Weibe, welches zu trinken gabZuweilen bekleideten das sonst von Männern ausgeübte Schenkenamt auch Dienerinnen, die dann »ölseljuru« hiessen. Die Frauen waren übrigens bei Trinkgelegenheiten frühzeitig Zuschauerinnen und nahmen allgemach auch thätig Antheil. Das Zubringen des Trinkhorns, welches der Wirthin oder ihrer Tochter oblag, war eine gute Schule. In alterer Zeit war es beliebte Sitte »tvímenning« zu trinken, das ist paarweise, Mann und Weib zusammen, wie sie das Loos vereinte. Vom Credenzen des Bieres durch die Weiber stammen auch einige poetische Umschreibungen (kenningar) wie »Biergeberin« (ölgefu) für Jungfrau u. a. m.:

„Nimm auf, schön wandelndes

Weib, vom Boden

Das Hom, das gestürzte:

Ich hab' es geleert.

Seh' Männer im Meere

Die, müde vom Sturme,

Hilfe bedürfen

Zum Hafen zu kommen.“

Der JarlJarl hiess ein ordentlicher Stellvertreter des Königs. Um eine gewisse Anzahl von Kriegsvolk zur Vertheidigung des Landes halten und die Stellvertretung des Königs wirksam und würdig ausführen zu können, waren sie mit gewissen Ländereien und Einkünften belehnt. hörte, was Hallward sang und fragt was es gäbe.

Hallward sagte: „Männer sind hier an's Land gekommen, und sie sind sehr ermüdet, und glaub' ich, dass es gute Helden sind; aber so rüstig ist Einer, dass er die Anderen an's Land trägt.“

Da sagte der Jarl: „Geht ihnen denn entgegen, und nehmet sie mit Ehren auf, wenn es Fridthjof ist, des HersenHersen hiessen die Nächsten nach dem Jarl; sie waren Grossbeamte des Königs oder des Jarls; ihre Würde war aber blos an ihre Person geknüpft. Ihrem Stande nach gehörten sie zu den Odalbonden, die auf ihren Gütern mit völlig persönlicher und sachlicher Freiheit walteten. Thorsteins Sohn, meines Freundes, der berühmt ist durch jede Tüchtigkeit.“

Da griff ein Mann zum Worte, der Atle hiess, ein grosser WikingerWiking oder Wikinsfahrt war eine mit Plünderung der Küsten (eigentlich der Bucht, vík) verbundene Seefahrt, Seeraub. Wikinger hiessen die Unternehmer solcher Fahrten. Sie waren von den gewöhnlichen Seeräubern unterschieden und sind durch die Geschichte, in welcher sie gewöhnlich unter dem Namen Normannen auftreten , bekannt genug.
Arteten auch viele Wikinger nicht selten zu gemeinen See- und Küstenräubern aus, so gab es doch auch wieder viele, welche edlere Zwecke verfolgten, wie z. B. unsere Saga (Kapitel eilf am Anfang) von Fridthjof zeigt, der es nur wieder mit anderen Wikingern aufnimmt, und zwar mit »grausamenf«, hingegen die friedlichen Bonden und die Kauffahrer in Ruhe liess.
Andere Wikinger widmeten das auf ihren Raubzügen erworbene Vermögen wohlthätigen Zwecken. In der Kristnisaga verwendet Thorvald, der erste Christ von Island, seinen Antheil an diesem Erwerbe zur Auslösung von Kriegsgefangenen.
: „Nun soll man erproben, was man sagt, dass Fridthjof betheuert habe, er wolle nie zuerst Frieden verlangen.“

Sie waren zusammen zehn, böse und begierige Männer, die oft BerserkergangBerserker (eigentlich Mann in einer Bärenhaut) wurde ein Mensch geheissen, der namentlich im Kampfe in besinnungslose Wuth und Raserei geräth, wodurch er Uebermenschliches zu leisten vermag. Berserkergang nannte man den Zustand der Raserei beim Berserker; Berserkerwuth, Kampfwuth. Ueber Berserker und Berserkerwuth gedenke ich anderwärts ausführlich abzuhandeln. gingen. Wie sie zu jenen kamen, ergriffen sie ihre Waffen.

Da sagte Atle: „Das ist nun Rathes, Fridthjof, uns zur Wehr zu stehen, denn Adler, die sich begegnen, sollen sich klauen, Fridthjof; ferner ist es jetzt rathsam, sein Wort zu erfüllen, und nicht zuerst um Frieden zu bitten.“

Fridthjof wandte sich ihnen sogleich entgegen und sang die Weise:

„Ihr nicht werdet

Uns bezwingen

Angsterfüllte

Inselbewohner.

Lieber die Fehde

Als Frieden betteln!

Einer zum Kampfe

Gen euch alle zehn!“

Da kam Hallward herbei und sprach: „Es will der Jarl, dass Ihr Alle willkommen sein sollt, und Niemand Euch ein Leid zufüge.“

Fridthjof sagte: „Dies wollen wir gerne annehmen, aber wir sind auch zu Beidem bereit.“

Hierauf gingen sie zum Jarl, und dieser nahm Fridthjof und alle seine Mannen gastlich auf, und sie waren den Winter hindurch dort bei ihm und wurden von dem Jarl sehr in Ehren gehalten. Er fragte oft nach ihrer Fahrt. Björn sang die Weise:

„Wir schöpften, während

Schnellfluthen gingen,

An beiden Borden

Fröhliche Bursche

Zehn Tag' und Nächte

Matt das Meerpferd

Machten die Fluthen.“

Der Jarl sagte: „König Helge hat Euch sehr nachgestellt; um solche Könige ist es übel bestellt, welche zu nichts anderem nutz sind, als Männer durch Zauberei zu übermächtigen. Aber ich weiss auch“ ,sagt Angantyr, „dass Du hieher gesandt bist, Fridthjof, um den Tribut, und ich werde die kurze Antwort dahin erjgehen lassen, dass König Helge keinen Tribut von mir erhalten wird. Du aber sollst so viel Geld und Gut von mir bekommen, als Du willst, und magst Du das Tribut nennen, wenn Du willst, oder auch anders, wenn Du das lieber willst.“ — Fridthjof sagte, er werde das Geld annehmen.

 

Achtes Kapitel

Das Verlieren

 

Nun soll erzählt werden, was sich in Norwegen zugetragen hat, seitdem Fridthjof fortgefahren war. Die Brüder Hessen das ganze Gehöft auf Framnäs niederbrennen. Die Schwestern aber fielen, als sie beim Zaubern waren, vom Zaubergestell herab und brachen beide den Rücken.

Denselben Herbst kam König Ring nördlich nach Sogn zu seiner Hochzeit, und es gab ein köstliches Mahl, als er mit Ingebjörg Brautlauf trank.

„Woher hast Du diesen guten Ring bekommen, den Du an der Hand hast?“ spricht König Ring zu Ingebjörg.

Sie sagte, ihr Vater habe ihn gehabt.

Er antwortete: „Dies hat früher dem Fridthjof gehört, und nimm ihn sogleich von der Hand, denn an Gold soll es Dir nicht fehlen, wenn Du nach Alfheim kommst.“

Da gab sie den Ring der Frau des Helge und bat sie, denselben dem Fridthjof zu geben, wenn er zurückkomme. — Hierauf zog König Ring wieder heim mit seinem Weibe und fasste eine grosse Liebe zu ihr.

 

Quelle:
Josef Calasanz Poestion: Die Saga von Fridthjof dem Starken - Friðþjófs saga hins frœkna (1879).

 

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